Jeden morgen stehen wir aufund machen Kapitalismus.
Warum machen wir nicht malwas anderes?
David Graeber
Kapitel 1 – Es geht nicht nur ums Gemüse, sondern um den ganzen Hof.
Als Solidarische Landwirtschaft hat sich deinHof vor nun schon 12 Jahren gegründet, um kapitalistische Strukturen in der Landwirtschaft zu hinterfragen und gelebte Alternativen zu schaffen. Das bedeutet, sich die Lebensmittel und die Art der Bewirtschaftung des kostbaren Bodens nicht von Marktpreisen diktieren zu lassen, sondern gemeinschaftlich zu gestalten. Die Frage, die dabei im Vordergrund steht, ist: Wie können wir Menschen mit gesunden Lebensmitteln versorgen, natürliche Kreisläufe nutzen und den Anbau so gestalten, das er zukunftsfähig, vielfältig und gut machbar ist. Hier wird nicht das Gemüse finanziert, sondern eine Altenative geschaffen: dazu gahört die Vereinbarkeit von Gartenbau und biologischer Vielfalt, die Nutzung möglichst vieler erneuerbarer Ressourcen, die Kreation von funktionierenden regionalen Kreisläufen und den Aufbau einer starken Gemeinschaft, die in Krisenzeiten zusammenhält. Für alle Interessierten gibt es die Möglichkeit, den Acker zu besuchen, anzufassen und kennenzulernen. Unser Projekt ist ein Experimetierraum für (neue und alte) Anbaumethoden und Sortenprojekte, welche eine Versorgung mit regionalem Gemüse in sich wandelnden klimatischen Bedingungen ermöglichen.
Es wird hier also kein Gemüse verkauft, sondern gemeinsam eine Alternative ermöglicht, welche nicht den Marktstrukturen folgt. Deswegen macht es auch keinen Sinn „Gemüsepreise“ zu vergleichen. Denn das Gemüse aus dem Discounter folgt Marktlogik – um den Ertrag zu steigern werden Pestizide eingesetzt, es werden nur ertragreiche Sorten genutzt (welche bei wandelnden klimatischen Bedingungen versagen), Gemüse wird nach der Ernte behandelt, um länger haltbar und ansehnlich zu bleiben, und in Plastik verpackt, damit es handlich ist.
Um dazu echte Alternativen zu schaffen, brauchen wir eine komplett andere Logik. Im Fokus sollte nicht das Gemüse stehen, sondern der Betrieb. Was brauchen die Angestellten, um gute Arbeit machen zu können? Wie kann der Boden langfristig gesund bleiben? Und da es „kein richtiges Leben im Falschen“ gibt (Theodor Adorno) müssen auch wir am Ende Kosten decken und Löhne zahlen.
Kapitel 2 — Solidarisch Wirtschaften
Um diese Finanzierung gemeinsam zu stemmen, treffen wir uns jährlich zur Beitragsrunde. Von der ersten Saison an gehörte dieser Termin zum Konzept. Jedes Jahr wird im Voraus geplant, welche Ausgaben auf den Hof zukommen, mit seinen 4.5 Hektar, über 150 Gemüsesorten, 8 Angestellten, 2 Ausbildungsplätzen und viel Herzblut für samenfestes Saatgut, Biodiversität & Gemeinschaft. Auch wird festgelegt, welche Projekte stattfinden und welche Investitionen gemacht werden sollen. Das wird zur Mitgliederversammlung mit den Mitgliedern abgestimmt, und daraus entsteht das Budget, welches gedeckt werden soll.
Uns bewegt die Frage: wie können wir als Menschen, welche kapitalistisch sozialisiert sind, eine solidarische Finanzierung ohne festen Preis organisieren? Denn am Ende steht ja ein Wert, der finanziert werden muss und Menschen mit verschiedenen finanziellen Spielräumen.
Wie es das Wort bereits sagt, können auf der Beitragsrunde alle Mitglieder nach ihren Möglichkeiten einen Beitrag zur Finanzierung des Projektes deinHof leisten. In den letzten Jahren haben wir dazu immer den Durchschnittsbetrag kommuniziert, den jedes Mitglied im Monat zahlen müsste, um das Gesamtbudget zu stemmen. Dies war lediglich als Orientierswert gedacht: alle konnten in sich gehen, und entscheiden, ob sie mehr geben können oder weniger beitragen wollen – ganz nach ihren finanziellen Möglichkeiten. Die Grund dafür ist, dass die finanziellen Möglichkeiten in der Gesellschaft ungleich verteilt sind — Essen müssen wir aber alle.
Das hat im Erntejahr 2024/25 zur folgenden Verteilung der Beitragshöhen pro Ernteanteil geführt (rote Balken). Wir haben zum Vergleich auch die Beitragshöhen aus dem Erntejahr 2022/23 eingetragen (blaue Balken; wegen Inflation und Gärtner:innengehaltssteigerungen kam es zu einem größeren Anstieg)
Kapitel 3 – Flatten the curve
Diese Kurve hat sich unser Finanzvorstand genauer angeschaut. Die meisten Gebote liegen sehr nah am Durchschnittsbeitrag. Die Verteilung ist sehr untypisch für die statistische Verteilung von Einkommen: typischerweise gibt es einige wenige, die deutlich mehr verdienen, und damit den Durchschnitt deutlich nach oben ziehen. Es wird damit sehr unwahrscheinlich, dass die Verteilung bei den Beiträgen die finanziellen Verhältnisse und Möglichkeiten der Haushalte wiederspiegelt. Es liegt die Vermutung nahe, das sich Menschen mit geringerem Einkommen nicht trauen, weniger zu zahlen. Das Thema ist mit Scham behaftet. Weiterhin ist für die Haushalte mit hohem Einkommen der Durchschnittswert pro Ernteanteil als Information nicht sonderlich hilfreich – meist haben diese Haushalte in unserer Solawi durchaus die Bereitschaft, mehr als den Durchschnittsbeitrag zu bieten (und haben dies auch schon in den Jahren zuvor getan), aber es ist unklar, wie viel mehr geboten werden müßte, um zu einer fairen Aufteilung zu kommen.
Wir haben daher erstmals im Erntejahr 2025/26 als Vorstand die Empfehlung ausgesprochen, 5% des Durschnittshaushaltsnettoeinkommens beizutragen. Wenn sich zwei Haushalte einen Anteil teilen, so teilt sich dieser Beitrag auch entsprechend auf. Wir sind auf diesen Prozentsatz durch eine Überschlagsrechnung gekommen: wenn man die statistische Verteilung der Haushaltsnettoinkommen zu Grunde legt, so wäre mit 5% davon unser Gesamtbudget mit hoher Wahrscheinlichkeit gedeckt.
Es handelt sich hier um einen Orientierungswert, und es gibt unzählige Gründe, von diesem abzuweichen: viele Kinder im Haushalt, Verschuldung, Mietsituation, fehlende Altersversorgung, etc. Die individuellen Situationen sind so vielfältig, dass es nicht sinnvoll ist, genau Regeln zur Berechnung aufzustellen. Wir wollen mit unserer Empfehlung von 5% lediglich einen Denkanstoß geben, um bei den Beiträgen zu einer solidarischeren Verteilung der Beiträge zu kommen.
Der Vorstand hat dieses Vorhaben in der Mitgliederversammlung des DeinHof e.V. im Januar 2026 vorgestellt und diskutiert. Es gab auch kritische Stimmen, vornehmlich von Mitgliedern, die besorgt waren, dass wir durch diese Empfehlung besserverdienende Haushalte verlieren könnten. Es war uns daher wichtig, stets zu betonen, dass es sich um eine nicht verpflichtende Empfehlung handelt, und dass die Beträge weiterhin frei und geheim abgegeben werden. In einem Meinungsbild zeigte sich in der Mitgliederversammlung Zustimmung zum Vorschlag von über zwei Dritteln der Anwesenden.
Kapitel 4 – Technik, die begeistert.
Dieses Jahr gab es noch eine weitere Neuerung für unser Bieteverfahren. Albrecht – unser Vorstand für den Bereich Mitgliederverwaltung (der nebenbei sehr findig im Bereich IT ist) – hat ein Tool gebaut, welches ein Live-Gebote abgeben per QR-Code ermöglicht. Das hat das früher oft langwierige Bieteverfahren extrem verschlankt und wir konnten live beobachten, wie sich das Budget füllt. Wir zeigen unten ein Screenshot des Tools, wie es in der Beitragsrunde über einen Beamer angezeigt wurde.
Nicht nur das: Der finale Beitragswert konnte dann automatisiert in unsere Mitgliederdatenbank (Civi Crm) übernommen werden und daraus die aktuellen Beitragserklärungen erstellt und per mail an alle Mitglieder verschickt werden.
Kapitel 5 – Ergebnisse für das Ernejahr 2026-2027
Trotz eines leichten Anstiegs beim Durchschnittsbeitrag haben wir das Budget gedeckt, und das schneller, als es in den Jahren zuvor mit mehreren Runden und händischer Auszählung der Fall war.
Es kam zu einer deutlichen Veränderung bei den Beitragshöhen: siehe Abbildung unten. Auf der Abbildung fehlt aus Anzeigegründen ein Ausreissergebot von 700 Euro pro Monat.
Deutlich zugelegt hat der Anteil der Haushalte, die 170 bis 280 Euro pro Ernteanteil bezahlen, nämlich von 7 auf 30.
Auch der Anteil der Haushalte, die 50 Euro bis 130 Euro bezahlen (und damit weniger als den Durchschnitt), hat deutlich zugenommen: von 41 auf 62.
Sichtbar abgenommen hat dagegen der Anteil, der um den Durchschnittsbeitrag bezahlt.
Der Median (als der Wert, den man erhält, wenn man alle Beiträge der Größe nach sortiert, und den mittleren Betrag in dieser Liste wählt) liegt nun leicht unter dem Durchschnittsbeitrag, während der Median zuvor leicht über dem Durchschnittsbeitrag lag.
Allerdings hat die Kurve immer noch nicht die Gestalt, von der man ausgehen würde, wenn man von der statistischen Verteilung der Haushaltseinkommen ausgehen würde. Der durchschnittliche Einkommen eines Haushalts in Sachsen liegt deutlich, und nicht nur leicht, über dem Median.
Dennoch werten wir den Ausgang der Beitragsrunde 2026 als Erfolg, und sehen die zunehmende Streuung bei den Beiträgen als einen wichtigen Schritt auf dem Weg in eine solidarische Gemeinschaft.
Abschnitt 6 – Was haben wir gelernt
Die Beitragsrunde ist jedes Jahr ein spannender Punkt für uns. Diese Jahr hatten wir im Vorfeld auch einige Gespräche über Gerechtigkeit, Geld und Politik. Fakt ist, es ist auch ein emotionales Thema. Um so wichtiger, das wir uns alle damit auseinander setzen, was Solidarität für uns bedeutet und wie wir sie leben wollen. Es ist ein Versuch im Kleinen, der – wie der Vorstand des Vereins findet – hoffen lässt.